Gedicht

Mai

Leichte Silberwolken schweben

Durch die erst erwärmten Lüfte,

Mild, vom Schimmer sanft umgeben,

Blickt die Sonne durch die Düfte,

Leise wallt und drängt die Welle

Sich am reichen Ufer hin,

Und wie reingewaschen helle

Schwankend hin und her und hin,

Spiegelt sich das junge Grün.

Still ist Luft und Lüftchen stille;

Was bewegt mir das Gezweige?

Schwüle Liebe dieser Fülle,

Von den Bäumen durchs Gesträuche.

Nun der Blick auf einmal helle,

Sieh! Der Bübchen Flatterschar,

Das bewegt und regt sich schnelle,

Wie der Morgen sie gebar,

Flügelhaft sich Paar und Paar.

Fangen an, das Dach zu flechten –

Wer bedürfte dieser Hilfe?

Und wie Zimmerer die Gerechten,

Bank und Tischchen in der Mitte!

Und so bin ich noch verwundert,

Sonne winkt, ich fühl es kaum;

Und nun wehen aber hundert

Mir das Liebchen in den Raum.

Tag und Abend, welch ein Traum!

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

HELENE LIVE (in: Die Wühlmäuse)

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